Kochbuch & Organisation
Von der Fotorolle zum brauchbaren Kochbuch
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Wer gern kocht, kennt das Muster. Ein Gericht in der Zeitschrift beim Friseur: Foto. Die Schwiegermutter macht ein großartiges Curry und das Rezept steht auf einem zerknitterten Zettel: Foto. Instagram, ein Kochbuch im Laden, die Karte im Restaurant mit den Zutaten dabei: Foto, Foto, Foto. Zwei Jahre später liegen vierhundert Rezeptfotos zwischen den Urlaubsbildern, und kein einziges davon hat man je wiedergefunden, wenn man tatsächlich am Herd stand.
Das Problem ist nicht, dass man zu viel sammelt. Das Problem ist, dass eine Fotorolle keinerlei Struktur hat, die mit Kochen zu tun hätte. Man kann nicht nach Zutaten suchen, nicht nach „schnell und alltagstauglich" filtern, und das eine Pastafoto liegt zufällig zwischen dreißig Bildern eines Geburtstags. Sammeln ist mühelos geworden; Wiederfinden ist die eigentliche Arbeit.
Erst aussortieren, dann ordnen
Die Versuchung ist groß, sofort Ordner und Kategorien zu erfinden. Noch nicht. Erst einmal durch die Fotorolle scrollen und bei jedem Rezeptfoto nur eine Frage stellen: Würde ich das heute noch kochen wollen? Streng sein. Die Torte für eine längst vergangene Feier, das Gericht mit der Zutat, die nirgendwo zu bekommen ist, die fünfte Variante desselben Curry-Restes: weg damit, oder zumindest nicht mit in die nächste Runde.
Aus Erfahrung: Von hundert gesammelten Rezeptfotos überstehen zwanzig bis dreißig eine ehrliche Auslese. Das ist kein Verlust, das ist Gewinn. Eine überschaubare Sammlung ist mehr wert als ein Archiv, in dem alles liegt.
Aus jedem Foto ein echtes Rezept machen
Ein Foto von einem Rezept ist noch kein Rezept. Man kann nichts daran anpassen, es nicht auf sechs Personen umrechnen, und in fünf Jahren ist das Foto körnig und der Zusammenhang vergessen. Der nächste Schritt heißt also Abtippen oder Digitalisieren, und genau hier steigen die meisten aus, denn vierhundert Fotos tippt niemand ab.
Deshalb ist die Auslese so wichtig: Zwanzig Rezepte zu übertragen ist eine Sache von ein paar Abenden, kein Lebensprojekt. Es gibt außerdem Apps, die einem den Großteil dieser Arbeit abnehmen. In Recettino zum Beispiel lädt man das Foto hoch, und der Text wird automatisch in ein strukturiertes Rezept mit Zutaten und Schritten umgewandelt, das sich anschließend skalieren und anpassen lässt. Aber auch ohne App gilt: lieber zwanzig durchsuchbare Rezepte als vierhundert Fotos.
Beim Übertragen lohnt sich ein Moment für zwei Dinge. Erstens: dem Rezept einen Namen geben, nach dem man später suchen würde. „Die Pasta von Marie" findet man nie wieder; „cremige Pasta mit Erbsen und Zitrone" schon. Zweitens: die Quelle notieren. In drei Jahren will man wissen, ob das aus dem einen Kochbuch oder von der einen Website stammte, und sei es nur, um mehr davon zu finden.
Einen festen Ort durchhalten
Die größte Falle nach dem Aufräumen ist die Zersplitterung: ein Teil in einer Notiz-App, ein Teil in einem Mailordner, ein paar Screenshots, die doch wieder auf der Fotorolle landen. Dann ist man in einem halben Jahr wieder am Anfang. Einen einzigen Ort wählen, an dem Rezepte wohnen, und aus „Foto machen" eine Zwischenstation statt einer Endstation machen. Das Foto ist der Fang; noch in derselben Woche wird es übertragen und das Original gelöscht.
Das klingt streng, folgt aber derselben Logik wie beim Kochbuch aus Papier: Lose Zeitungsausschnitte klebt man auch nicht hinter die Tapete. Ein Schuhkarton voller Ausschnitte ist genau der Grund, warum die Fotorolle überhaupt entstanden ist.
Was man dafür zurückbekommt
Ein durchsuchbares Kochbuch verändert das Kochen, und das ist nicht übertrieben. Man steht beim Metzger, sieht eine schöne Lammschulter und schlägt in zehn Sekunden nach, was man damit beim letzten Mal gemacht hat. Freunde fragen nach dem Essen nach dem Rezept, und man schickt einen Link statt „ich such das Foto noch raus". Und unter der Woche um fünf scrollt man nicht mehr verzweifelt durch die Fotorolle, sondern filtert nach dem, was in einer halben Stunde auf dem Tisch stehen kann.
Die Fotorolle bleibt nützlich, aber für das, wofür sie gedacht ist: als Auffangnetz für den Moment. Das Kochbuch ist der Ort, an dem die Rezepte landen, die man wirklich behalten will. Diese beiden Rollen zu trennen ist schon die halbe Arbeit.